Freizeit

MAK zeigt „VALLY WIESELTHIER. Bild und Ton“

Wien (OTS) – „Tell these people who I am“ – kaum ein Satz bringt den
künstlerischen Anspruch der berühmten Gestalterin Vally Wieselthier (
1895-1945) prägnanter auf den Punkt. Radikal expressiv, selbstbewusst
und ihrer Zeit weit voraus, sprengte sie die Grenzen der
Gebrauchskeramik. Sie verstand sich als Bildhauerin, schuf Öfen,
Brunnen, Wandfriese und beeindruckende Skulpturen, war aber auch als
Textilkünstlerin und Gebrauchsgrafikerin erfolgreich. Mit VALLY
WIESELTHIER: Bild und Ton (29.4.2026–10.1.2027) rückt das MAK
erstmals umfassend ihre Karriere in Europa und den Vereinigten
Staaten ins Zentrum und zeigt anhand einer Auswahl von 160 Objekten
ihre nachhaltige Wirkung auf die österreichische Kunstkeramik bis
heute. Anlass der Schau ist die teilweise Übernahme ihres Nachlasses
aus dem Besitz ihrer US-amerikanischen Familie.

Wieselthier war Schülerin von Josef Hoffmann und Michael Powolny an
der Wiener Kunstgewerbeschule und gilt als prominenteste Vertreterin
der ganz von Künstlerinnen geprägten Wiener-Werkstätte-Keramik. Ab
1927 leitete sie die Produktionsstätte und entwickelte eine neue Form
der Keramikskulptur von bis dahin unbekannter Expressivität.

Die Ausstellung präsentiert bedeutende, teils noch nie gezeigte
Objekte aus europäischen Sammlungen und aus Wieselthiers Nachlass in
den USA. Mit dem Archiv der Wiener Werkstätte verfügt das MAK bereits
über einzigartige Quellen und Objekte zu ihrem Leben und Werk, die
nun durch die Schenkung des gesamten Papier-Nachlasses substanziell
bereichert werden. So lässt sich die künstlerische Entwicklung
Wieselthiers in Europa und ihre bisher kaum bekannte Karriere in den
USA nachvollziehen.

Der Untertitel Bild und Ton verweist auf einen zentralen Aspekt
ihres Schaffens: Zeichnungen, Illustrationen und Entwürfe spielten
eine ebenso wesentliche Rolle wie die Keramik. Besonders deutlich
wird dies in ihrer Wiener-Werkstätte-Zeit, aber auch schon in den
frühen Illustrationen für die Mappenwerke Mode Wien 1914/5 und Das
Leben einer Dame . Von hier aus entfaltet die Ausstellung in
thematischen Abschnitten Wieselthiers außergewöhnliche künstlerische
Entwicklung, Karriere und Biografie.

Schon als Kind zeigte Wieselthier vielseitige Begabungen und eine
besondere Zielstrebigkeit. Geboren 1895 in Wien, gewann sie
zahlreiche Wettkämpfe in Schwimmen, Turmspringen, Tennis und
Skilaufen. Gleichzeitig interessierte sie sich für Mode und zeichnete
gerne elegant gekleidete Damen. 1914 machte sie heimlich die
Aufnahmeprüfung an der Kunstgewerbeschule, der heutigen Universität
für angewandte Kunst Wien, und studierte dort bei Koloman Moser,
Josef Hoffmann, Michael Powolny und der Textilkünstlerin Rosalia
Rothansl. 1917 holte Hoffmann seine Studentin in die Wiener
Werkstätte, wo sie in der Künstlerwerkstätte alle Freiheiten hatte,
mit diversen Materialien zu experimentieren. Die ersten Jahre
bezeichnete Wieselthier später als die glücklichsten ihres Lebens.

Die Wiener Werkstätte (WW), 1903 von Hoffmann, Moser und dem
Unternehmer Fritz Waerndorfer gegründet, schuf hochwertige
Alltagsgegenstände und Wohnungseinrichtungen im Sinne des
Gesamtkunstwerks. Wieselthier entwarf hier neben Keramiken auch
Glasdekore, Stoffmuster, Stickereien, Schmuck und Silberobjekte sowie
Plakate und Werbeanzeigen. Sie beteiligte sich an der Gestaltung der
Verkaufsräume und schuf dort fantasievolle Wandmalereien.

Eine der herausragenden Arbeiten der MAK Ausstellung ist die 1928
in der WW entstandene Keramikfigur Flora – eine kniende Frau, deren
Körper von orangefarbenen Blüten und wilden blauen Schraffuren
bedeckt ist. Als ein zentrales Werk expressiver Keramik verkörpert
sie das neue Frauenbild der Zwischenkriegszeit: souverän, unabhängig
und selbstbestimmt. Gleichzeitig ist Flora ein Beispiel dafür, dass
sich die Künstlerin in ihren Figuren immer wieder selbst darstellte.

Wieselthier verstand es hervorragend, sich selbst zu vermarkten.
Sie knüpfte Kontakte zu Produzenten, veröffentlichte Artikel in der
Zeitschrift Deutsche Kunst und Dekoration und erhielt Aufträge für
Bauplastiken in Wien. Auf der Exposition internationale des arts
décoratifs et industriels modernes in Paris 1925 fand Wieselthier in
dem von Hoffmann gestalteten österreichischen Pavillon eine adäquate
Bühne und erhielt erstmals internationale Aufmerksamkeit. Anlässlich
der International Exhibition of Ceramic Art im Metropolitan Museum of
Art reiste sie 1928 nach New York, um schließlich dort zu bleiben.

Einen ihrer ersten Aufträge erhielt Wieselthier von Architekt Ely
Jacques Kahn, der sie bat, Lifttüren für ein Hochhaus in Manhattan zu
gestalten. Die Motive erinnern an ihre Stoffmuster für die Wiener
Werkstätte, während die geometrische Struktur das amerikanische Art
déco widerspiegelt. Eine perfekte Symbiose alter und neuer
Formensprache in Metall. 1931 kehrte sie für ein paar Monate nach
Wien zurück und wurde wie ein Star empfangen. Sie erhielt Aufträge
von Lobmeyr und der Porzellanmanufaktur Augarten – die Presse sah
dies als Zeichen dafür, dass ihre Heimatstadt stolz auf die
international erfolgreiche Künstlerin war.

In den USA arbeitete Wieselthier nicht nur als Keramikerin,
sondern auch als Modedesignerin, Illustratorin und
Schaufenstergestalterin. Und sie erhielt immer wieder Lehraufträge.
1938 kam es an der Louisiana State University zu einem Eklat: Sie
wurde entlassen – angeblich weil sie kurze Hosen trug und ihren Hund
in die Kantine mitgenommen hat, tatsächlich lag der Grund in ihrem
unkonventionellen Unterrichtsstil. Wahrscheinlich war dies der Anlass
für ihr Telegramm an Präsident Roosevelt: „Tell these people who I
am“.

Ein Nachruf in der New York Times anlässlich ihres Todes am 1.
September 1945 würdigte Vally Wieselthier als „internationally known
as a leader of the modern school of ceramic art“. In Wien fand diese
Anerkennung erst in den letzten Jahren statt: 2011 installierte die
Künstlerin Iris Andraschek vor dem Eingang zur ehemaligen Wiener
Werkstätte in der Neustiftgasse ein Bodendenkmal mit dem Titel Tell
these people who I am – eingeprägt in den Asphalt als Appell gegen
das Vergessen. 2021 wurde unweit davon ein kleiner Park nach
Wieselthier benannt, der für die Kinder der gegenüberliegenden
Volksschule Anlass bot, sich mit Wieselthiers fantasievoller
Formenwelt auseinanderzusetzen.

Im Rahmen der Ausstellung findet am 17. und 18. September 2026 das
Symposium Tanz – Kunst – Design im MAK Vortragssaal statt.

Pressefotos stehen unter MAK.at/presse zum Download bereit.

Pressekonferenz
Montag, 27.4.2026, 16 Uhr

Eröffnung
Dienstag, 28.4.2026, 19 Uhr
Eintritt frei zur Ausstellungseröffnung

Ausstellungsort
Zentraler Raum MAK Design Lab
MAK, Stubenring 5, 1010 Wien

Ausstellungsdauer
29.4.2026–10.1.2027

Öffnungszeiten
Di 10–21 Uhr, Mi bis So 10–18 Uhr

Kurator*innen
Rainald Franz, Kustode MAK Sammlung Glas und Keramik
Anne-Katrin Rossberg, Kustodin MAK Sammlung Metall und Wiener
Werkstätte Archiv

Ausstellungsgestaltung
Claudia Cavallar

Rahmenprogramm
abrufbar unter MAK.at

MAK Eintritt
Ꞓ 19/18*; ermäßigt Ꞓ 15,50/14,50*; jeden Dienstag 18–21 Uhr: Eintritt
Ꞓ 9,50/8,50*
Eintritt frei für Kinder und Jugendliche unter 19
* Ticketpreis im Online-Vorverkauf