Wien (OTS) – Die Dokumentationsstelle Politischer Islam (DPI) hat
ihren neuen
Jahresbericht veröffentlicht. Die einzelnen Beiträge der Autorinnen
und Autoren – wie zum Beispiel Lina Khatib oder Jan-Markus Vömel –
verdeutlichen, wie wirkungsvoll sich der Politische Islam in modernen
Gesellschaften verbreiten kann: Über Influencerinnen und Influencer,
staatliche Religionsbehörden aus dem Ausland, transnationale
Netzwerke sowie die gezielte Beeinflussung von (digitalen)
Wissensbeständen und die Ideologisierung alltäglicher Lebensbereiche.
Der Jahresbericht dokumentiert eine Professionalisierung und
Ausdifferenzierung unterschiedlicher Aspekte des religiös motivierten
politischen Extremismus.
Zwtl.: Politischer Islam als Geschäftsmodell und Identitätsangebot
Islamistische Strukturen nutzen die verfügbaren Formate der
digitalen Kommunikation und wenden häufig die Sprache populärer
Jugendkulturen an, um ein junges Publikum im deutschsprachigen Raum
anzusprechen. Dies geschieht meist mittels Videos, die von
demokratiefeindlichen und häufig auch antisemitischen Sichtweisen
geprägt sind und aktuelle Alltagsfragen junger Menschen ebenso
aufgreifen wie politische Entwicklungen und Konflikte. Das Narrativ
vom Feindbild des Westens wird dabei mit einem islamistischen
Lifestyle in Verbindung gebracht. Die liberale Demokratie wird als
System dargestellt, das im Rahmen dieses Trends von Grund auf
abzulehnen sei. Angebote in den Bereichen Sport, Ernährung, Karriere
und Beziehung werden von Influencerinnen und Influencern ideologisch
aufgeladen und als lukrative Geschäftszweige genutzt. In diesem
Zusammenhang werden Bücher, Coachings, Retreats, Vernetzungstreffen
und weitere Veranstaltungen vermarktet, wo es etwa über
Identitätsangebote und die Gemeinschaft hinaus um finanziellen Erfolg
geht. So entstehen religiös geprägte Sinnstiftungsangebote sowie ein
Marktsegment, das Zugehörigkeit schafft und auf leicht zugängliche
Weise islamistische Ideologien zu verbreiten hilft.
Durch festen Glauben, Selbstoptimierung und strenge Disziplin
soll eine „maskuline Exzellenz“ erreicht werden – ähnlich einer
islamistischen Manosphere. Ein Beispiel ist das Projekt „Rujulah
1000“, das von einer Führungspersönlichkeit der salafistischen
Missionierungsorganisation IMAN ins Leben gerufen wurde. Die
Initiative bietet unter anderem Retreats sowie Kurse an und
propagiert das Streben nach „wahrer Männlichkeit“. Durch gemeinsame
Gebete, Business- und Networking-Events unter Gleichgesinnten, wie
etwa bei der „United Konferenz“, wird das Angebot religiös aufgeladen
sowie gleichzeitig ein niederschwelliger Zugang zu religiös geprägten
Gemeinschaften geschaffen, aus denen neue Mitglieder rekrutiert
werden sollen. Darüber hinaus verknüpfen Sportmarken wie
„Deenathletic“ den Fitnessbereich mit einem islamistischen
Lebensstil. Das bei diesen Angeboten vermittelte Weltbild beinhaltet
immer wieder auch extremistische Elemente und dient unter anderem dem
Aufbau paralleler Strukturen fernab liberaler und demokratischer
Gesellschaftsentwürfe.
Zwtl.: Beeinflussung digitaler Quellen
Der Jahresbericht zeigt auf, dass Akteure des Politischen Islam
die Bedeutung der kognitiven Beeinflussung im neuen digitalen
Zeitalter verstanden haben. Neben den weiterhin stark im Trend
liegenden Influencern und Influencerinnen kommt mit der Künstlichen
Intelligenz (KI) ein zusätzliches Element hinzu. Große Sprachmodelle
(Large Language Models, LLMs), Chatbots und KI-generierte
Suchzusammenfassungen greifen in erheblichem Umfang auf frei
verfügbare Online-Inhalte zurück. Entsprechend wird versucht,
Wissensplattformen gezielt zu beeinflussen und dort extremistische
Narrative zu verankern. Dies kann etwa durch die Verbreitung von
Talking Points, die selektive Auswahl von Quellen oder die Verwendung
von aus dem Kontext gelösten Zitaten erfolgen – insbesondere bei
relevanten Einträgen auf Plattformen wie Wikipedia. Die einseitige
Auswahl von Belegen wird auch für diskreditierende Darstellungen im
Rahmen von Desinformationskampagnen genutzt.
Ein anschauliches Beispiel ist der deutschsprachige Wikipedia-
Artikel über die Muslimbruderschaft. Das Bearbeitungsprotokoll der
Seite zeigt, dass einzelne User wiederholt kritische Quellen zu der
in einigen Ländern als Terrororganisation gelisteten Gruppierung
entfernten und andere hinzufügten, die die Bruderschaft in ein
positiveres Licht rücken. Zudem wurden in anderen Artikeln kritische
Passagen im Zusammenhang mit der islamistischen Organisation
entfernt. Eine nähere Analyse belegt, dass dieselben User an den
Überarbeitungen von Einträgen zu Personen und Institutionen beteiligt
waren, die sich kritisch mit der Muslimbruderschaft
auseinandergesetzt haben. Wer die Enzyklopädie-Einträge zu sensiblen
Themen – insbesondere zum Politischen Islam und zum Extremismus –
prägt, beeinflusst damit auch die Ergebnisse von KI-Systemen. Dies
stellt eine der größten Herausforderungen der letzten Jahre dar:
Nicht nur Massenmedien, sondern auch Trainingsdaten verschiedener
Algorithmen und Suchmaschinen werden gezielt beeinflusst.
Zwtl.: Europa als Aktionsraum für staatliche und nichtstaatliche
Akteure
Auch der Einfluss von geopolitisch relevanten Akteuren des
Politischen Islams wird im DPI-Jahresbericht näher analysiert. So hat
sich zum Beispiel die Türkei seit der Machtübernahme der AKP
zunehmend vom Kemalismus entfernt und folgt seither einem
antiwestlichen sowie neoosmanischen Weltbild. Im Mittelpunkt dieses
Denkens steht die Vorstellung von einer bestimmten „islamischen
Zivilisation“, die durch eine gemeinsame Geschichte und ein geteiltes
Schicksal verbunden sei und im Gegensatz zur westlichen Gesellschaft
stünde. Diese als „Zivilisationismus“ bezeichnete Entwicklung hat
nicht nur Auswirkungen auf die türkische Innen- und Außenpolitik,
sondern genauso auf die Integrationspolitik verschiedener Länder mit
großen türkeistämmigen Minderheiten – wie in Österreich. Dieses
Weltbild unterstützt die Bildung einer Identität, die in einem
fundamentalen Gegensatz zur westlichen Mehrheitsgesellschaft steht.
Verbreitet wird diese Identität in der türkeistämmigen Diaspora über
Verbände, Vereine, Bildungseinrichtungen und Medien, die der
türkischen Regierungspartei nahestehen. Die Vorsitzende der
einflussreichen Bildungsstiftung NUN und Tochter des türkischen
Präsidenten Erdoğan, Esra Albayrak, sprach sich etwa beim „World
Decolonization Forum“ im Mai 2026 dafür aus, die von Europa
dominierte Wissensordnung zu „dekolonialisieren“ sowie die
„islamischen Zivilisationswerte“ stärker anzuerkennen.
Ein weiterer Akteur dessen Einfluss nach Europa reicht ist die
Hamas, die 1987 als palästinensischer Ableger der Muslimbruderschaft
gegründet wurde. Sie ist nicht nur eine in Europa gelistete
Terrororganisation und bewaffnete Kraft, sondern auch eine politische
Partei und ein Wohlfahrtsakteur. Die islamistische Gruppierung nutzt
ihre Doppelstruktur – religiöse wie karitative Tätigkeiten – um in
europäischen Staaten Fuß zu fassen und ihr militärisches Vorgehen zu
verschleiern. Europa wird dabei zum Aktionsraum der
Mittelbeschaffung, der Rekrutierung, der propagandistischen Arbeit
und der operativen Vorbereitung. Insbesondere seit dem 7. Oktober
2023 lässt sich eine Mobilisierung von Sympathisanten feststellen,
die islamistische Narrative der Terrorgruppierung verbreiten und
diese zu einer „legitimen Widerstandsgruppe” umdeuten. Ein konkreter
Fall ist das Propagandamedium „Gaza Now“, das von einem in Linz
lebenden Aktivisten gegründet wurde. Dem arabischsprachigen Kanal
folgen über 1,3 Millionen Follower, dem englischen knapp 200.000.
Unter anderem wird darin Bildmaterial der Al-Qassam-Brigaden und
anderer islamistischer Einheiten geteilt, in dem deren Kämpfer
heroisiert werden. Es zeigt sich, dass einige zivilgesellschaftliche
Netzwerke in Europa diese Narrative übernehmen und die Einstufung der
Hamas als Terrororganisation nicht anerkennen.
Zwtl.: Herausforderung für die liberalen Demokratien
„Der DPI-Jahresbericht dokumentiert die Professionalisierung und
Diversifizierung von Akteuren des Politischen Islams. Die liberalen
Demokratien in Europa müssen sich dieser Herausforderung stellen. Es
ist wichtig, die Methoden und Strategien der Bewegungen des
Politischen Islams zu durchschauen, wie etwa die zunehmende Nutzung
von neuen identitätsstiftenden Angeboten. Aktuelle gesellschaftliche
Diskurse werden dadurch stark ideologisch aufgeladen. Da die
transnationalen Netzwerke oft im digitalen und analogen Raum agieren,
ist eine verstärkte Zusammenarbeit in Österreich sowie Europa
notwendig. Die Dokumentationsstelle verfolgt weiterhin das Ziel, eine
zuverlässige Wissensbasis bereitzustellen, und leistet somit einen
Beitrag zu einer evidenzbasierten Auseinandersetzung mit den
Herausforderungen des religiös motivierten politischen Extremismus“,
so DPI-Direktorin Lisa Fellhofer.
Der neue DPI-Jahresbericht und sämtliche weiteren Publikationen
des Österreichischen Fonds zur Dokumentation von religiös motiviertem
politischen Extremismus (Dokumentationsstelle Politischer Islam)
können auf der Website www.dokumentationsstelle.at abgerufen werden.